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/ Rügen erleben & MEHR WISSEN nicht nur über Rügen / © Fotos und Texte: Dr. Wolfgang Urban (ur)

Von GLOBAL bis Rügen: Die aktuelle News-Übersicht finden Sie: HIER

Von Groß Schoritz über Berlin nach Ägypten, Israel sowie Mexiko und zurück nach Rügen.

Kein Reisebericht erwartet Sie hier, sondern Erinnerungen an eine Woche im Februar 2011. In ihr konnte man eine Ausstellungseröffnung in Groß Schoritz auf Rügen erleben. Fernab gab es in Berlin zwischen Regierung und Opposition heftige Auseinandersetzungen zum Thema Hartz IV. Noch viel weiter entfernt von Rügen herrschte Jubel auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Dabei spielte eine Villa im Badeort Scharm el Scheich am Roten Meer eine Rolle, in der ein einst mächtiger Präsident Ägyptens unfreiwillig Urlaub machte. Nachdenkenswertes war in dieser Woche aus Israel zu den Unruhen in Ägypten zu hören und fernab von dort tobte der Drogenkrieg in Mexiko. Auf der Reise durch diese Woche begegnen Ihnen auch Merkwürdigkeiten in der deutschen Medienlandschaft und Fotos vom Sonntagsspaziergang an einer wildromantischen Küste auf Rügen - Artikel und Fotos von Wolfgang Urban

Künstlerinnen Brandenburger Tor Bundeskanzlerin Angela Merkel im Kanzleramt

Global (ur). Wer durch das Internet surft und hier gelandet ist, der wird vielleicht in den wenigsten Fällen die beiden Frauen auf dem Foto oben links kennen, denen ich am Samstag, dem 12. Februar 2011 begegnete. Es sind Silke Tolk und Schwett B. Svensson. Sie erlebten bei der Eröffnung ihrer Ausstellung "Allerleirauh" mit Bildern und kunstgewerblichen Exponten in Groß Schoritz auf Rügen einen Besucheransturm und Worte zu ihren Arbeiten, die Grund zur Freude waren. Die Bilder von beiden Künstlerinnen und die kunstgewerblichen Objekte von Silke Tolk sind noch immer täglich von Montag bis Freitag jeweils von 10 Uhr bis 16 Uhr zu sehen.

Vor der Ausstellungseröffnung in Groß Schortz hatte ich am Dienstag die Frau oben rechts fotografiert, die bekannter sein dürfte als die Künstlerinnen. Dr. Angela Merkel kam gerade aus ihrem Arbeitszimmer im Kanzleramt, eine Fraktionssitzung stand unmittelbar bevor. Besonders beschäftigt war Sie gerade mit den Verhandlungen zu Hartz IV. Hart bleiben oder nachgeben? Heute weiß wohl kaum noch jemand, worum es damals ging, obwohl Hartz IV an diesem Tag das Thema Nr. 1 der deutschen Innenpolitik war. Unbeeindruckt davon gingen indes auch an diesem Dienstag viele Touristen durch das Brandenburger Tor spazieren, das sich in unmittelbarer Nähe des Kanzleramtes befindet.

Einst kündete dieses Tor, das Sie auf dem Foto oben in der Mitte sehen, in symbolträchtiger Weise von der Teilung der Welt in zwei weltumspannende Lager voller politischer Gegensätze. Feindlich standen sich die großen Militärbündnisse NATO und Warschauer Vertrag auch an der Grenze gegenüber, die sich durch ein Deutschland zog, das im Ergebnis eines Weltkrieges und der globalen politischen Entwicklung danach aus zwei Staaten bestand. Seit über zwei Jahrzehnten ist diese staatliche Teilung Deutschlands Geschichte. Als sie überwunden war, wurde die Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft e.V. gegründet. Deren Namenspatron wurde 1769 in Groß Schoritz auf Rügen geboren und starb 1869 in Bonn am Rhein. Der politisch umstrittene Sänger der Befreiungskriege gegen Napoleon gilt unumstritten als einer der Vorkämpfer der deutschen Einheit, die er selbst nicht mehr miterlebte. Im Garten seines Geburtshauses erinnert eine Büste an ihn:

Ernst-Moritz-Arndt-Büste im Garten seines Geburtshauses in Groß Schoritz

Die Freiheit ist der Seelen Stahl
Und ritterliche Wehr der Braven,
Die Freien trägt der Sternen Saal
Der Teufel herrschet über Sklaven.

Ernst Moritz Arndt (1769-1860)

Nur wenige Meter entfernt vom Ort, wo am 12. Februar 2011 dieses Foto entstand, wurde im großen Saal des Gutshauses am gleichen Tag um 14 Uhr die bereits erwähnte Ausstellung der Künstlerinnen Silke Tolk und Schwett B. Svensson eröffnet. An jenen Samstag hatten nicht nur sie Grund zur Freude.

Fernab von Deutschlands größter Insel erlebten an diesem Tag zahlreiche Ägypter das Gefühl der Befreiung, denn am Tag zuvor war Husni Mubarak als Präsident Ägyptens zurückgetreten und hatte die Führung des Landes dem Militär übergeben. Zusammen mit seiner Familie verließ er Kairo und begab sich in seine Villa im Badeort Scharm el Scheich am Roten Meer. Ein beliebtes Urlaubsziel wurde für ihn zum unfreiwilligen Aufenthaltsort. Darüber jubelten viele Ägypter nicht nur auf dem Tahrir-Platz in Kairo.

Bevor die Unruhen begannen, die zum Sturz von Husni Mubarak als Staatspräsident Ägyptens führten, verbrachten nach Angaben des Auswärtigen Amtes jährlich über eine Million deutscher Touristen ihren Urlaub in Ägypten. Am Tag nach dem sich Husni Mubarak in seine Villa am Roten Meer begab, riet das Auswärtige Amt immer noch von Reisen nach dort ab und betonte in seinen Reisehinweisen u.a.:

Aufgrund der jüngsten gewaltsamen Auseinandersetzungen in Ägypten wird nach wie vor vor Reisen nach Kairo, Alexandria und Suez gewarnt. Von Reisen in die übrigen Landesteile einschließlich der Urlaubsgebiete am Roten Meer wird weiterhin dringend abgeraten... Das Auswärtige Amt empfiehlt, eine Ausreise aus Kairo, Alexandria und Suez ernsthaft in Erwägung zu ziehen und die Angebote der Fluggesellschaften zu nutzen... Das Auswärtige Amt rät Reisenden in den Tourismusgebieten am Roten Meer, die Angebote der Reiseveranstalter zur vorzeitigen Rückreise anzunehmen. Aufgrund der Lageentwicklung kann es auch hier zu Schwierigkeiten bei Versorgung und Logistik, aber auch bei der Sicherheit kommen...

Urlaub vom Alltag, das kann auch das Ausbleiben von Touristen in ansonsten von ihnen sehr begehrten und bevölkerten Urlaubsregionen bedeuten. Vielleicht sind sie danach irgendwann wieder da und der gewohnte touristische Alltag kann seine Fortsetzung finden.

Darauf hofften damals sicher auch viele Ägypter, die vom Tourismus leben. Wochen später jubelten am 24. Februar 2011 Ägypter dem deutschen Außenminister Guido Westerwelle auf dem Tahrir-Platz in Kairo zu. Zur Freude der Ägypter hatte er die Aufhebung der Reisewarnung des Auswärtigen Amtes für Ägypten im Gepäck. "Hier wird Weltgeschichte geschrieben", sagte der deutsche Außenminister auf dem Tahrir-Platz.

Bereits kurz nach dem Ausbruch der Unruhen in Ägypten schrieb Uri Avnery, der Gründer der israelischen Friedensbewegung Gush Shalom:

Was jetzt in Ägypten geschieht, wird unser Leben verändern.

WIE GEWÖHNLICH sah es keiner voraus. Der viel gefeierte Mossad war total überrascht, genau wie der CIA und all die anderen gefeierten Dienste dieser Art. Doch sollte es überhaupt keine Überraschung gewesen sein – abgesehen von der unglaublichen Wucht des Ausbruchs. In den letzten Jahren haben wir viele Male hier erwähnt, dass in der ganzen arabischen Welt eine Menge junger Leute heranwächst, die eine tiefe Verachtung für ihre Führer hat, und dass es früher oder später zu einem Aufstand kommen werde. Dies waren keine Prophezeiungen, sondern eher eine nüchterne Analyse von Wahrscheinlichkeiten...

Der Aufstand in Ägypten wurde durch wirtschaftliche Faktoren bestimmt: die wachsenden Lebenskosten, die Armut, die Arbeitslosigkeit, die Hoffnungslosigkeit der gebildeten jungen Leute. Aber lassen wir kein Missverständnis aufkommen: die zu Grunde liegenden Ursachen liegen viel tiefer. Sie können mit einem Wort zusammengefasst werden: Palästina... (Quelle des Zitats hier: Uri Avnery )

Die zusammenfassenden Wörter für die Ansammlung von Konfliktstoff und Frust haben in unserer globalisierten Welt viele Namen, auch deutsche Begriffe befinden sich darunter. Hartz IV gehört dazu. Am Dienstag als das Foto oben rechts mit Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel entstand, gab es einen letzten vergeblichen Versuch, um noch vor der Bundesratssitzung am darauf folgenden Freitag eine Einigung zwischen Regierung und Opposition bei den Verhandlungen über eine Reform von Hartz IV zu erreichen.

Zu einem ganz anderen Thema sagte die Bundeskanzlerin an diesem Tag:

...Ich glaube, dass wir mehr Frauen in Führungspositionen brauchen und ich glaube das nicht nur, sondern ich finde es einen ziemlichen Skandal, dass in den.. zweihundert größten deutschen Unternehmen der Frauenanteil in den Vorständen irgendwie zwischen drei und vier Prozent sich befindet...

Das war an jenem Dienstag in der Tagesschau zu hören. Zwei Tage später folgte dort ein Bericht mit dem Titel
"Kundus-Affäre: Merkel bestreitet Fehlverhalten".

Nicht der Afghanistan-Krieg prägte indes die Schlagzeilen am Sonntag, als sich die Woche, an die hier erinnert wird, dem Ende neigte. Nach und nach wurden die folgenden Videodateien als Download-Angebot von tagesschau.de ins Internet gesetzt:

11:41 Uhr Massenflucht aus Nordafrika: 4000 Menschen erreichen Lampedusa
11:42 Uhr Hartz-IV-Streit: Beck will Reform zur Ländersache machen
11:52 Uhr Drogenkrieg in Mexiko: Mindestens 30 Menschen getötet
11:52 Uhr Proteste in Algerien: Polizei geht gegen Demonstranten vor
12:30 Uhr Nach Mubarak-Rücktritt: Militär verspricht "friedlichen Übergang"

Die Positivmeldung am Sonntag in der Mittagszeit soll diese News-Reihe der Woche beenden. Irgendwann wird sie vergessen sein, wenn man nicht gerade hier von ihr erfährt, denn seit dem 1. September 2010 muss tagesschau.de nach eigenen Angaben "rund 80 Prozent seiner Archivinhalte depublizieren". Die Videodateien, zu denen hier verlinkt wurde, gehören dazu. Sie waren nur kurzzeitig per Link erreichbar, daher wurden die dann nicht mehr zu ihnen führenden Links gelöscht. Grund für die nur kurzzeitige Erreichbarkeit von derartigen Videodateien mittels Links ist laut tagesschau.de "der 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag, der dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Internet enge Grenzen setzt."

So wird mit dem Geld der Gebührenzahler nicht nur produziert, sondern ihm auch wieder mit seinem Geld der Zugang zu diesem Informationsmaterial entzogen. Das ist im Interesse von großen privaten Medienkonzerne durchgesetzt worden, die auch mit der Verbreitung von Nachrichten im Internet viel Geld verdienen wollen und daher alle öffentlich-rechtlichen Angebote möglichst klein halten möchten.

Während sich Wikipedia entwickelt, muss also tagesschau.de depuplizieren, was man dort zuvor mit dem Geld von Gebührenzahlern produziert wurde. Das gehört zu den Merkwürdigkeiten in der deutschen Medienlandschaft.

Deutscher Irrsinn? Nein! Es ist das Ergebnis eines Interessenkampfes, wie er sich Woche für Woche immer wieder in einem neuen Gewand abspielt. So werden immer wieder Links zu tagesschau.de ins Leere führen, wenn ihre Gnadenfrist abgelaufen ist. Wie lange das so sein wird, entscheidet das Kräfteverhältnis im Interessenkampf.

Inmitten des Alltags kann man sich heute nicht nur mit tagesschau.de auf eine globale Bildungsreise begeben und in den Weiten der Welt unterwegs sein. Vergessen wir aber auch dabei nicht nicht, dass das Internet nur eine virtuelle Horizonterweiterung ist. Das World Wide Web eröffnet zwar immer neue Dimensionen des räumlich-gleichzeitigen Erlebens. Aber keiner verlässt dabei den Raum seines Sehens, auch wenn sich der für uns virtuell mögliche Raum immer weiter entwickelt und dabei auch die Illusion des Dabeiseins in einer anderen Welt perfektioniert wird. Auf diesem Weg kann die Gefahr des Wirklichkeitsverlustes und seiner Verinnerlichung wachsen. Damit sich die Menschlichkeit des Seins nicht mittels Internet von ihren natürlichen Grundlagen entfremdet, ist der tägliche Urlaub von ihm so wichtig. Zu ihm gehört das Verlassen des Wanderns im virtuellen Raum und die Bewegung der eigenen Füße.

Wer an der Küste lebt, hat es da besonders gut. Hier kann man Sonne und Meer, Wind und Wellen und noch viel mehr genießen. Aber auch Nachdenklichkeit befördert das Dasein am Meer, denn hier offenbart sich die Natur in all ihrer Gegensätzlichkeit. Besonders beeindruckt mich dabei immer wieder jene Küste, an der die folgenden Fotos bei einem Spaziergang am Sonntag jener Woche im Februar entstanden. Fernab der bevölkerten Ostseebäder kann man hier die wilde Romantik der Natur erleben, zu der auch ein besonders starker Abbruch der Steilküste gehört:

Eis an den Sträuchern an der Steilküste von Rügen Insel Rügen: Steilküstenabbruch

Alles hat seine Zeit und ist nicht von Ewigkeit. Das gilt für die Küsten am Ufer der Ostsee und auch für die
Vergänglichkeit der Macht. In jener Woche, von der dieser Artikel handelt, hat dies Husni Mubarak erlebt.
Andere werden ihm folgen, das war so und wird wohl auch so bleiben, alles ist nur eine Frage der Zeit.

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Ergänzende Infos
zum Artikel nebenan

Das Geburtshaus von Ernst Moritz Arndt befindet sich in Groß Schoritz auf der Insel Rügen.

Geburtshaus von Ernst Moritz Arndt in Groß Schoritz

In diesem Haus hat auch die Geschäftsstelle der
Arndt-Gesellschaft ihren Sitz. Während ihrer Öffnungszeiten kann
man die Ausstellung "Allerleirauh" von Montag bis Freitag jeweils von
10 bis 16 Uhr
sehen.

Eingang zum Park des Arndt-Hauses in Groß Schoritz auf Rügen

Gleich neben dem Arndt-Haus befindet sich der Eingang zum Park mit der Arndt-Büste und einem kleinen Aussichtsturm.

Dr. Angela Merkel

Zum Wahlkreis der Bundeskanzlerin gehört auch die Insel Hiddensee. Einen Artikel über ihren Besuch auf der Insel im Jahr 2010 finden sie hier: Angela Merkel auf der Insel Hiddensee und der darüber anschließend verbreitete Blödsinn

 

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